Netzwerktreffen Benachteiligtenförderung an der Beruflichen Schule Husum
Offener Austausch –
Ihre Perspektiven zählen
Es ist ein grauer Donnerstagnachmittag in Husum, als im Übungsrestaurant der Beruflichen Schule die Stimmen vieler Professionen zum traditionellen und alljährlichen Netzwerktreffen Benachteiligtenförderung zusammenfinden. Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen, Vertreter von Kammern, Wohlfahrtsverbänden, Sozialzentren, Beratungsstellen und Betrieben – sie alle sitzen an diesem 27. November 2025 an einem Tisch, um über eine Frage zu sprechen, die aktueller kaum sein könnte: Wie können wir junge Menschen in herausfordernden Lebenslagen besser begleiten?
Herausforderungen im Schulalltag
Schulleiter Michael Kwauka eröffnet die Veranstaltung und weist auf die wachsende Bedeutung einer verlässlichen Vernetzung hin. Die Berufliche Schule mit ihren rund 3.200 Schülerinnen und Schülern habe sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Psychische Belastungen seien heute fester Bestandteil des Schulalltags – und ihre Zahl wachse weiter. „Lehrkräfte stehen dadurch vor enormen Zusatzbelastungen. Sie müssen lernen, sich abzugrenzen und dennoch professionell zu unterstützen“, betont Kwauka. Die Ursachen dafür seien vielfältig – digitale Medien, gesellschaftlicher Druck, fehlende Stabilität. „Das betrifft inzwischen nahezu alle Bildungsgänge.“
Vernetzung als Schlüssel – und als Herausforderung
„Kinder haben keine Lobby.“ Ein Leitgedanke, der nicht nur Birgit Thießen, Vorsitzende des Arbeitskreises Benachteiligtenförderung an der Beruflichen Schule des Kreises Nordfriesland in Husum, bewegt, die in ihrem Grußwort darüber hinaus betont, dass genau diese Entwicklungen eine engere Kooperation zwischen allen beteiligten Institutionen notwendig machen. Der Nachmittag, so erklärt sie, solle vor allem eines bieten: Vernetzung, die wirkt. Ins Zentrum ihres Vortrags stellt sie das Vorwort des Sachbuchs „Kinder – Minderheit ohne Schutz“, das eindrücklich beschreibt, dass Kinder und Jugendliche in einer alternden Gesellschaft oft keine Lobby haben und daher besonderen Schutz benötigen – ein Gedanke, der im Raum nachhallt und den roten Faden des Nachmittags bildet.
Impuls aus der Schulsozialarbeit
Schulsozialarbeiter Florian Wichura gibt einen Einblick in die praktische Arbeit und setzt in seinem Impuls konkrete Beispiele aus dem Schulalltag dagegen, indem er betont, wie wichtig klare Zuständigkeiten und schnelle Kommunikationswege sind. Er erzählt von einem Schüler, der zwischen den Erwartungen seiner Eltern und seinem eigenen Wunsch nach einer handwerklichen Ausbildung zerrieben wurde. Erst durch gezielte Beratung und Vernetzung verschiedener Stellen fand er erfolgreich seinen Weg in eine Lehre. „Solche Fälle zeigen, wie wichtig kurze Wege und klare Zuständigkeiten sind“, meint Wichura.
Austausch in Kleingruppen – vier Tische, viele Perspektiven
An den vier Thementischen wird anschließend intensiv diskutiert:
1. Erfahrungsaustausch – Was läuft gut? Was muss besser werden?
Gelobt wird besonders die Zusammenarbeit in der Jugendberufsagentur (JBA) sowie die Kooperation zwischen Berufsschule, Kammern und Arbeitsagentur. Deutlicher Verbesserungsbedarf besteht bei der Transparenz, wer welche Informationen benötigt und erhalten darf.
2. Kommunikation – Wie gelingt
Abstimmung im Vorfeld?
Eine engere Verbindung zwischen Integrationsfachdienst und Schule wird gewünscht. Azubis bräuchten frühzeitig Unterstützung, diagnostische Grundlagen der Arbeitsagentur sollten schneller und flächendeckend vorliegen. Genannt wird auch die Idee eines „psychosozialen Wegweisers“, der Orientierung schafft, welche Institution in welcher Situation der richtige Ansprechpartner ist.
3. Vernetzung – Wo brauchen wir mehr Prävention?
Deutlich wird durch Berichte der Teilnehmenden: Viele Jugendliche bewegen sich „zwischen den Systemen“. Sie sind zu stark oder zu schwach für bestimmte Maßnahmen, passen in kein Raster. Ressourcen fehlen, Übergänge müssten besser abgestimmt werden. Vorgeschlagen werden Krisenpläne, themenzentrierte Treffen eingebunden in regelmäßige Abstimmungsrunden und eine engere Zusammenarbeit mit Ausbildungsbetrieben.
4. Wünsche zur Vernetzung –
Wer braucht wen?
Der Wunsch nach regelmäßigen Treffen, klaren Regeln und mehr Orientierung steht im Mittelpunkt. Ressourcenknappheit wird als kritisches Thema benannt. Erwartet werden klar definierte Zuständigkeiten und abgestimmte Übergänge. Immer wieder fällt ein Begriff: Perspektivplanung – möglichst früh, möglichst praxisnah.
Datenschutz als Hemmnis – und als Auftrag
In der Abschlussrunde hebt Birgit Thießen hervor, dass der Datenschutz in vielen Fällen die Zusammenarbeit zwischen Institutionen erschwere. Datenschutz sei ein wiederkehrender Stolperstein in der Zusammenarbeit zwischen Institutionen: „Das macht Unterstützung oft schwierig. Es geht immer um Möchten, Sollen und Können.“ Oft sei unklar, was gewollt, was erlaubt und was praktisch umsetzbar sei. Dieser Aspekt durchzieht
viele Beiträge und wird als eines der zentralen Hemmnisse für gelingende Kooperation beschrieben.
Gleichzeitig richtet sie den Blick nach innen: Auch innerhalb der Schule könne die Vernetzung zwischen Bildungsgängen weiter verbessert werden. Als praktisches Werkzeug nennt sie das Schüler-Wiki im Schulportal, das bereits Hinweise zu Anlaufstellen bei unterschiedlichen Problemlagen bietet.
Ein Netzwerk, das trägt – trotz Herausforderungen
Mitglieder des Arbeitskreises, wie Isabel Mangold-Korn, betonen weiter die Bedeutung des offenen Austauschs: Was läuft gut? Was läuft nicht gut? Welche Daten dürfen übermittelt werden? Wer ist der richtige Ansprechpartner? Die Antworten darauf sind komplex, doch der Tag zeige: Es gibt viele engagierte Fachkräfte, die sich diesen Fragen stellen.
Ein Blick auf gute Beispiele
Ein positives Beispiel rundet den Nachmittag ab: In Südtondern beginnt Berufsorientierung bereits in der 7. und 8. Klasse – eine frühe und gelingende Kooperation zwischen Schulen und Betrieben. Ein Modell, das Hoffnung macht.
Ein Nachmittag, der nachwirkt
Die Atmosphäre bleibt trotz der Ernsthaftigkeit der Themen warm und zugewandt. Bei Kaffee und Gebäck entstehen neue Kontakte, spontane Ideen und konkrete Verabredungen. „Das Netzwerken ist das Herzstück dieses Treffens“, sagt eine Teilnehmerin – und trifft damit den Kern.
Der Nachmittag hat gezeigt: Die Herausforderungen wachsen und damit auch der Wunsch nach einem breiten und gut abgestimmten Netzwerk, das den jungen Menschen, um die es geht, einen Wegweiser und vor allem Zuversicht gibt.
Ausblick
Trotz der klar benannten Herausforderungen wurde der Nachmittag von den Teilnehmenden wiederum als sehr konstruktiv wahrgenommen. Neben den fachlichen Ergebnissen bot das Treffen wichtige Impulse für weiterführende Kooperationen.
Björn Gutt