Bericht 2008/09 - AKK Benachteiligtenförderung
Bericht über unsere Ziele und Aktivitäten im Schuljahr 2008/09 Themen: - Netzwerk Benachteiligtenförderung - Mediation und Streitschlichtung - Trainingsraum-Programm - Beratungsangebot
Der zentrale Arbeits- und Kompetenzkreis Benachteiligtenförderung
Der zentrale Arbeits- und Kompetenzkreis Benachteiligtenförderung will gemeinsam mit den verschiedenen sozialpädagogischen Einrichtungen im Kreis Nordfriesland die berufliche und soziale Integration benachteiligter Jugendlicher fördern und verbessern. Dazu arbeitet der Arbeitskreis auf folgenden Entwicklungsfeldern:
- Aufbau eines Netzwerkes möglichst vieler Einrichtungen in der Benachteiligtenförderung der Region.
- Möglichkeiten zur Mediation in Krisensituationen mit den „Seniorpartner in School“ und dem Jugendhilfeverein Nordfriesland.
- Verbesserung des Lernklimas und Unterstützung der Jugendlichen zu mehr Selbstverantwortung und Selbstständigkeit sowie zu einer Entwicklung des Sozialverhaltens und den Schlüsselqualifikationen mithilfe des Trainingsraum-Programms.
- Verbesserung der Beratungsmöglichkeiten der Jugendlichen durch Einrichtung eines Beratungsraumes und durch Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer, der IHK, den Sozialzentren sowie der Berufsberatung.
Netzwerk Benachteiligtenförderung
Das vierte Netzwerktreffen wurde am 11.06.2008 von unserem Arbeitskreis organisiert. Die regelmäßigen Netzwerktreffen dienen dem Austausch von Informationen, dem gegenseitigen Kennenlernen und auch der gemeinsamen Absprachen der insgesamt 25 Organisationen und Schulen des Kreises Nordfriesland. Dadurch soll für die zu betreuenden Jugendlichen mehr erreicht werden und die Arbeit soll durch eine Kooperation effektiver gestaltet werden.
Beim letzten Treffen stellte Sandra Petersen für die Arbeitsagentur die regionale Förderung vor. Kathrin Nilsson (TSBW) und Sven Jantzen (Berufsschule) konnten über praktische Erfahrungen zur Umsetzung des Handlungskonzeptes „Schule und Arbeitswelt“ in den neuen Berufseingangsklassen berichten.
Mediation
„SiS“ steht für „Seniorpartner in School – Brücke zwischen Alt und Jung“. Durch die regelmäßige Tätigkeit der Seniorpartner als Schulmediatoren wird erstens eine Brücke zwischen den Generationen gebaut und zweitens wird die Öffnung der Schule in Richtung Sozialraum weiter vorangetrieben, damit diese wichtige Institution des Lernens durch ergänzende, unterstützende Angebote entlastet wird und sich ihren Kernaufgaben als Lernort widmen kann.
Mit der Methode der Mediation kann ein Weg aufgezeigt werden, wie Jugendliche Konflikte endgültig lösen können und am Ende keiner unterlegen ist. Ziele sind die Erhöhung der Konfliktlöse- und Kommunikationskompetenz der Beteiligten, die Verbesserung des sozialen Klimas im Umfeld und die Entlastung der Lehrer durch verminderte Konflikthäufigkeit im Unterricht.
Nicht zuletzt ist dies ein wichtiger Beitrag, bessere schulische Leistungen zu generieren. Wenn die Schülerinnen und Schüler nicht ständig an ungelöste Konflikte denken müssen, können sie sich besser auf den zu vermittelnden Wissensstoff konzentrieren.
In diesem Sinne arbeiten seit Februar 2007 zwei oder drei Mediatoren vom Verein „Seniorpartner in School (SiS)“ an unserer Schule. Diese Mediatoren haben einen festen Termin an jedem Mittwoch von 9:00 Uhr bis 12:00 Uhr, kommen aber auch nach Vereinbarung. Zwischen Lehrkräften, Trainingsraum und den Mediatoren gibt es eine enge Zusammenarbeit.
Ab September 2008 wird dieser Bereich noch zusätzlich durch den Jugendhilfeverein Nordfriesland noch für Jugendliche, die einer intensiveren Betreuung und Unterstützung bedürfen, ergänzt. Die Sozialpädagogen stehen unseren Schülerinnen und Schülern dann nach Absprache täglich zur Verfügung.
Trainingsraum-Programm
In vielen Klassen leidet der Unterricht darunter, dass es Schüler/innen gibt, die häufig den Unterricht stören. Unter deren Störattacken leiden dann alle Beteiligten, auch die Störenden selbst, wenngleich sie dies nicht unmittelbar einsehen wollen.
Es stellt sich angesichts dieser weitverbreiteten Symptomatik die Frage:
Wie kann es eine Lehrerin bzw. ein Lehrer schaffen, die Klasse zu unterrichten und die Störaktionen einzelner Schüler einzugrenzen, wenn diese auch nach Ermahnungen nicht einlenken wollen?
Eine Antwort hierauf gibt das Trainingsraumprogramm.
Der Ursprung des Trainingsraumprogramms liegt in Phoenix, Arizona. Dort wurde es zuerst 1994 von dem Sozialarbeiter Edward E. Ford auf der Basis der Wahrnehmungskontrolltheorie von William T. Powers eingeführt. Mittlerweile erfreut es sich wachsender Beliebtheit in Amerika, Australien und seit 1996 auch in Deutschland. Die Anwendung des Programms führt für alle Beteiligten (Schüler, Lehrer und Schulleitung) dazu, dass sie neue Möglichkeiten und Freiräume gewinnen. Dieses Win-Win-Verhältnis begründet die hohe Akzeptanz des Programms in der Schulpraxis. Die lernbereiten Schüler können ungestörter lernen, die Lehrkräfte können ungestörter und gelassener unterrichten und die häufig störenden Schüler erhalten pädagogisch sinnvolle Unterstützungen. Die Schulleitung wird nicht mehr als andauernde Clearing-Stelle übermäßig in Anspruch genommen.
Die Ziele des Trainingsraumprogramms
- Das erste und wesentlichste Ziel des Programms besteht darin, die lernbereiten Schüler zu schützen und ihnen entspannten, ungestörten und qualitativ guten Unterricht anzubieten.
- Das zweite Ziel des Programms besteht darin, häufig störenden Schüler Hilfen anzubieten, die darauf ausgerichtet sind, dass sie ihr Sozialverhalten verbessern und die notwendigen sozialen Schlüsselqualifikationen erwerben.
Da es nicht in der Macht der Lehrkräfte liegt, zu bestimmen, ob ein verhaltensschwieriger Schüler diese Hilfen auch annehmen möchte, kann ein Fortschritt in diesem Bereich nicht in jedem Einzelfall erwartet und garantiert werden. Die Schule kann aber mit dem Programm den lernbereiten Schüler einen entspannteren und seltener und weniger stark gestörten Unterricht garantieren. Davon profitieren nicht zuletzt auch die Lehrkräfte selbst.
Ideen und Durchführung des Trainingsraumprogramms:
Das Programm verwendet die Maxime des gegenseitigen Respekts und der pädagogischen Idee der maximalen Entfaltung der persönlichen Fähigkeiten.
Bezieht man diese Maxime auf die konkrete Situation in der Klasse, so lassen sich die folgenden Regeln ableiten:
1.) Jede Schülerin und jeder Schüler hat das Recht, ungestört zu lernen.
2.) Jede Lehrerin und jeder Lehrer hat das Recht, ungestört zu unterrichten.
3.) Jeder muss stets die Rechte der Anderen respektieren.
Bei der Einführung des Programms werden diese drei Regeln in jeder Klasse im Rahmen einer Klassendiskussion vorgestellt. Über diese Regeln kann nicht abgestimmt werden, da es keine Alternative zum respektvollen Umgang gibt. Es ist die Pflicht der Schule Toleranz, Einsicht, Respekt, Empathie, Hilfsbereitschaft und Verantwortungsbereitschaft für die Gruppe zu fördern.
Wenn ein Schüler in der Klasse den Unterricht stört, wird er respektvoll „ausdrücklich ermahnt“ (BALKE vergleicht das mit der „Gelben Karte“) und gefragt, ob er sich lieber an die Regeln halten möchte, oder ob er in den Trainingsraum gehen möchte. Der Schüler erhält so die Möglichkeit, einzulenken. Wenn er sich danach entscheidet, erneut zu stören, muss er in den Trainingsraum gehen („Rote Karte“).
Wenn er zurück in die Klasse möchte, muss er einen Rückkehrplan erstellen, indem er darlegt, wie er es das nächste Mal schaffen will, seine Ziele zu erreichen, ohne die anderen in der Klasse zu stören. Mit einem im Trainingsraum besprochenen Rückkehrplan geht der Schüler zurück in den Unterricht des Lehrers, der in geschickt hatte. Der Lehrer bespricht diesen Plan mit dem Jugendlichen und es wird eine Vereinbarung auf der Grundlage des Vorschlags getroffen.
Wenn ein Schüler wiederholt in den Trainingsraum geschickt wird und seine Rückkehrpläne inhaltlich nicht besser bzw. nicht eingehalten werden, soll ein Beratungsgespräch stattfinden.
Hierdurch soll erreicht werden, dass die Jugendlichen wieder mehr Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen und sich später in die Gruppe, die Klasse und die Gesellschaft besser integrieren können. So können letztendlich Gewalt und ausweichendes Verhalten minimiert werden.
Umsetzung in der Beruflichen Schule des Kreises Nordfriesland in Husum
Als Trainingsraum wurde das ein ehemaliges Lehrerzimmer im Hauptgebäude A in der zweiten Etage eingerichtet. Dort gibt es Sitzmöglichkeiten für 7 – 10 Schülerinnen und Schüler, einen Kopierer mit PC für die Sozialpädagogin sowie zwei PC für Schüler, falls diese lieber eine Textverarbeitung nutzen möchten.
Der Trainingsraum wurde vom Dezember 2006 bis zum November 2007 von der Sozialpädagogin Thordis Harmsen betreut. Sehr positiv war für Schüler sowie für die Lehrkräfte die Unterstützung durch eine neutrale Institution, die die Situation in der Klasse entschärfte. Dadurch kam es unserer Meinung nach häufiger im Vorwege zu Konfliktlösungen und damit zu deutlich weniger Klassenkonferenzen.
Erste Ergebnisse, Erfahrungen und Schlussfolgerungen
Positive Auswirkungen gab es auf den Umgang mit Regeln, die Disziplin in der Klasse, die Qualität des Unterrichts und vor allem auch auf das soziale Leben der Schüler. Als notwendig erkannt wurden die Fortbildungen zur Unterstützung der Lehrkräfte. Der Trainingsraum darf nicht als Strafmaßnahme präsentiert werden, er muss als Chance für die Selbstreflexion und zur Entwicklung sozialer Kompetenzen gesehen werden. Dies muss den Lehrkräften und den Jugendlichen immer wieder deutlich gemacht werden.
Bei „Dauerstörern“ kann durch den Einsatz des Trainingsraum-Programms nur in Einzelfällen eine positive Veränderung im Verhalten erwirkt werden. Diese Schülerinnen und Schüler sind eventuell durch Selbstreflexion in Form von Nachdenken und Aufschreiben sowie durch Gespräche nicht erreichbar. Hier muss es andere Möglichkeiten der Unterstützung geben. Dies könnte in Zusammenarbeit mit dem Jugendhilfeverein geschehen. Möglich wäre auch nach Absprache mit den Lehrkräften eine Unterstützung bei der Erledigung von angemessenen Übungsaufgaben im Trainingsraum.
Der Trainingsraum wird aller Voraussicht nach im Schuljahr 2008/09 wieder besetzt werden können. Das Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerk ist bereit, uns als Kooperationspartner mit einer finanziellen Beihilfe von 50% zu unterstützen. Dann wollen wir den Trainingsraum mit zwei Sozialpädagogen mit je einer halben Stelle besetzen. Dadurch werden eine Ausweitung des Angebotes auf die ganze Schule und ein flexiblerer Einsatz für bedürftige Schüler angestrebt. So soll es zwei weitere Zugänge zum Trainingsraum geben. Für Schüler, die zwar Hilfen benötigen, aber noch nicht stören, wird es eine Möglichkeit geben, direkt ohne Trainingsraum-Programm zur Beratung zu gehen. Auch werden die Sozialzentren bei schwierigen Jugendlichen schon im Vorwege mit den Mitarbeitern im Trainingsraum Kontakt aufnehmen und das Vorgehen absprechen.
Wichtig ist weiterhin, dass durch schulinterne Gespräche und Fortbildung der Umgang mit dem Trainingsraum-Programm als permanenter Lernprozess möglich sein soll.
Literaturhinweise:
- Balke, Stefan; Die Spielregeln im Klassenzimmer – Das Handbuch zum Trainingsraum-Programm, Karoi-Verlag, Auflage: 2 (April 2003)
- Claßen, Albert; Nießen, Karin: Das Trainingsraum-Programm - Unterrichtsstörungen pädagogisch auflösen, Verlag An der Ruhr, Auflage: 1 (September 2006)
- Bründel, Heidrun; Simon, Erika: Die Trainingsraum-Methode: Unterrichtsstörungen - klare Regeln, klare Konsequenzen, Beltz; Auflage: 2., erweiterte und aktualisierte Aufl. (Oktober 2007)
- www.trainingsraum.de
- www.trainingsraum-methode.de
i. A. Norbert Aleidt
Berufliche Schule Husum
ale@bs-husum.de
