Agrarlehrkräfte "on tour" in Nordfriesland
Betriebsentwicklung, Milchmarkt und EU-Agrarpolitik. Im Rahmen der kontinuierlichen Fachfortbildung nahmen Lehrkräfte der Fachrichtung Agrarwirtschaft aus ganz Schleswig-Holstein an einer Exkursion im südlichen Nordfriesland teil, um vor Ort mit Landwirten, Verarbeitern und Agrarpolitikern zu diskutieren und sich so über die Zukunftsperspektiven der Milchproduktion in Schleswig-Holstein zu informieren.
Milchviehhaltung und Windenergie
Erste Station war der Betrieb von Wulf und Timo Nöhren in Olderup, der von Vater und Sohn als GbR bewirtschaftet wird. Das Hauptaugenmerk galt dem 2010 neu errichteten „Holsteiner Kälberstall“, der durch die tiergerechte und gleichzeitig arbeitssparende Haltungsform überzeugte und damit die Kälberaufzucht bis zum 6. Lebensmonat sicherstellt. Die optimierte Aufzucht wiederum ist der Garant für die leistungsfähige, ca. 100-köpfige Milchviehherde, die mit einer ausgeklügelten TMR-Ration (3 Mischungen) ausgefüttert wird. Der Milchviehbestand soll kontinuierlich aufgestockt werden, der Kuhstall ist bereits jetzt auf etwa 180 Kühe ausgelegt. Um auf diese Kuhzahl zu erweitern, sind aber auch noch weitere Investitionen im Bereich Melktechnik sowie Silage- und Güllelagerung erforderlich sowie auch arbeitswirtschaftliche Fragen zu klären. Bei dem derzeitigen Milcherzeugerpreisniveau ließen sich entsprechende Kalkulationen zwar durchaus mit positiven Ergebnissen rechnen, jedoch machte Wulf Nöhren auch deutlich, dass die Rentabilität der Milchviehhaltung dabei langfristig mit den Kennzahlen anderer Betriebszweige verglichen werden muss. Hierbei spielte er besonders auf die Erneuerbaren Energien an, Familie Nöhren setzt nämlich auch auf Photovoltaik und vor allem auf Windenergie. Im letzteren Bereich ist Nöhren senior als Geschäftsführer tätig und weiß somit um die Wirtschaftlichkeit dieser Branche bestens Bescheid.

Bild1 (Futtertisch)
Fachlicher Austausch der Teilnehmer mit Jan Thormählen (l.) auf dem Futtertisch
Fokussierung auf das Melken
Der zweite Betriebsbesuch galt der Thormählen&Thoroe GbR in Kollund, wo die Agrarlehrkräfte von den beiden Gesellschaftern Jan Thormählen und Christian Thoroe begrüßt wurden. Auf diesem Betrieb werden inzwischen mehr als 400 Kühe gehalten, mit denen durch ein ausgefeiltes Herdenmanagement über 10.000 kg Milch/Kuh und Jahr ermolken wird. Grundlage für eine stabile Tiergesundheit und damit niedrige Remontierungsrate sind die tiergerechte Aufstallung, das gute Stallklima sowie die bedarfsgerechte Fütterung der Tiere. Die Kühe werden je nach Leistungsgruppe 2- oder 3-mal täglich im 2x12 Side-by-Side-Melkstand gemolken. Arbeitswirtschaftlich werden die beiden Betriebsleiter von fünf Mitarbeitern und einem Auszubildenden unterstützt. Kompetent beantworteten die beiden Landwirte alle Fragen der Besucher rund um die Themen Mitarbeiterführung und Arbeitsorganisation auf ihrem Betrieb. Sie berichteten ferner über die Gründungsphase ihrer GbR im Jahre 2003 und die dynamische Betriebsentwicklung in den letzten 8 Jahren. Dabei stand und steht die eigentliche Milcherzeugung, sprich konkret das Melken, im Mittelpunkt des Unternehmens. In der Konsequenz wurde die Jungviehaufzucht 2010 ausgelagert: die weiblichen Kälber verlassen den Betrieb mit ca. 3 Monaten, werden auf einem Kooperationsbetrieb aufgezogen und kehren als hochträchtige Färsen dann wieder zurück.
Auf der Busfahrt zurück nach Oldenswort und auch während des leckeren Mittagessens in der Gaststätte „Marschenblick“ wurde über das Gesehene diskutiert und gefachsimpelt. Auch bestand so die Möglichkeit, sich unter den Kollegen einmal auszutauschen bzw. sich persönlich etwas näher kennenzulernen, denn schließlich unterrichten die Teilnehmer an Beruflichen Schulen zwischen Niebüll und Mölln.

Bild2 (OHMW)
Gruppenbild auf der Eingangstreppe zur Osterhusumer Meierei Witzwort eG
Verarbeitung und Vermarktung
Nächste Station war die Osterhusumer Meierei Witzwort eG, wo die Themen Milchverarbeitung und Milchmarkt auf dem Programm standen. Der Geschäftsführer, Herr Christoph Bossmann, gab zunächst einen Überblick über die Meierei und deren Entwicklung in den letzten Jahren, in denen man sich voll und ganz auf die Produktschiene Trinkmilch konzentriert hat. Die OHMW eG gehört heute zu den größten und modernsten Trinkmilchabfüllern Norddeutschlands. Ausführlich erläuterte Herr Bossmann auch die damalige Entscheidung für das Mikrofiltrationsverfahren und den Giebel-Tetrapack mit Schraubverschluss. Ferner machte er deutlich, dass es notwendig ist, die gesamte Verarbeitung und die Logistik zu optimieren, da ein Großteil der erzeugten Produkte den Zugang zum Markt über die Kostenführerschaft finden muss. Darüber hinaus ist es heutzutage gerade für kleinere Vermarkter schwierig, ihre (Marken-)Produkte im Ladenregal der Supermärkte oder Discounter zu platzieren. Jeder Versuch koste eine siebenstellige Summe und die Erfahrung zeige, dass nur ca. jedes zehnte, neueingeführte Produkt seinen Platz im Regal über das erste Jahr der Einführung hinaus behaupten könne. Dies gelte im Bereich Trinkmilch auch für Produkte mit Attributen wie „öko“, „gentechnik-frei“ oder „regional“. Nach Bossmanns Einschätzung orientieren sich mindestens 70-80 % der Verbraucher bei ihren Kaufentscheidungen nach wie vor ausschließlich am Preis.
Diskussion mit Agrarpolitikern
Zur Abschlussdiskussion in der Gaststätte „Marschenblick“ konnten zwei Landespolitiker begrüßt werden, die mit der Landwirtschaft eng verbunden sind: Heiner Rickers, agrarpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, und Bernd Voß, agrarpolitischer Sprecher der Landtagsfraktion der GRÜNEN, hatten sich gerne bereit erklärt, mit den Agrarlehrkräften über die anstehende Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik zu diskutieren. Beide Politiker sind gelernte und studierte Landwirte und bewirtschaften jeweils selbst einen Milchviehbetrieb. Zunächst jedoch erläuterte Martin Maier-Walker, der die Exkursion organisiert hatte, die wirtschaftliche Situation der Milchviehbetriebe anhand von Kennzahlen der Rinderspezialberatung.

Bild3 (Politiker)
Heiner Rickers (CDU) und Bernd Voß (GRÜNE) (v.l.) stellten sich als agrarpolitische Sprecher ihrer Landtagsfraktionen der Diskussion mit den Agrarlehrkräften
Strukturwandel und Kostendruck
Leider gelang es im Durchschnitt der letzten Jahre mindestens einem Drittel der Betriebe nicht, die in der Milcherzeugung eingesetzten Produktionsfaktoren angemessen zu entlohnen. Dementsprechend hat sich die Zahl der Milchviehbetriebe in Schleswig-Holstein in den letzten 12 Jahren um ca. 40 % reduziert. Aus den Reihen der Teilnehmer wurde in diesem Zusammenhang kritisch angemerkt, dass der physische und psychische Druck, der in Form von hoher Arbeitsbelastung, finanziellen Risiken und z.T. auch Anfeindungen auf die Landwirte einwirkt, an seine Grenzen stoße. Um im Wettbewerb der Kostenführerschaft mithalten zu können, müssen die Produktionskosten je kg Milch möglichst Richtung 30 Cent „gedrückt“ werden, wozu in der Regel hohe Produktionsintensitäten und relativ große Milchviehbestände erforderlich sind. Diesen Bestrebungen zur Kostenreduzierung stehen derzeit aber steigende Preise in den Bereichen Flächenpacht, Stallbau und Kraftfutter gegenüber.
Bild4 (Moderation)
Martin Maier-Walker organisierte die Exkursion und moderierte die Abschlussdiskussion
Nachhaltigkeit und „Greening“
Ferner machte Maier-Walker deutlich, dass in der Landwirtschaft einerseits zwar enorme Produktivitätsfortschritte erzielt worden sind, andererseits aber auch bezüglich der ökologischen Nachhaltigkeit noch einige Baustellen abgearbeitet werden müssen. Stellvertretend hierfür sprach er die nach wie vor unbefriedigende Situation in den Bereichen der Biodiversität und der Stickstoffüberschüsse an. Diese Stichworte wurden von den beiden Politikern aufgegriffen, die das grundsätzlich auch so sehen, weshalb ein „Greening“ der 1. Säule erforderlich sei. Vor dem Hintergrund von auch in der EU knapper werdenden Kassen werde es zunehmend wichtiger, öffentliche Gelder auch für öffentliche Güter auszugeben, um die Zustimmung von Verbrauchern und Parlamenten zu erhalten. Über die konkrete Ausgestaltung der Reform der EU-Agrarpolitik gab es dann doch unterschiedliche Auffassungen: während Herr Rickers sich mit den derzeit diskutierten Vorschlägen durchaus einverstanden erklärte, hätte Herr Voß die Ökologisierungsziele mit engeren Fruchtfolgevorgaben inkl. Leguminosenanteil gerne noch stärker verankert gesehen.
Milchmarkt nach 2015
Verschiedene Meinungen vertraten die beiden Agrarpolitiker auch im Hinblick auf den Milchmarkt. Herr Rickers befürwortete die Orientierung Richtung Weltmarkt und sieht hierin auch Chancen für eine mögliche Ausweitung der Milchproduktion aufgrund der wachsenden Nachfrage vor allem in Asien. Herr Voß dagegen befürchtet, dass andere Länder, wie z.B. Neuseeland, hier Kostenvorteile haben und sich der Milcherzeugerpreis auf dem Weltmarkt deshalb nach unten bewegen könnte. Insofern kann er sich eine wie auch immer ausgestaltete Milchmengenregelung innerhalb der EU nach 2015 durchaus vorstellen, um dadurch den Milcherzeugerpreis zu stabilisieren.
Fazit
Zum Schluss waren sich alle Teilnehmer einig, dass dieser Fortbildungstag viele Einblicke und Eindrücke in die Erzeugung und Vermarktung des Produktes Milch ermöglicht habe und diese auch in den Unterrichtsalltag eingebracht werden können. Der faire und konstruktive Verlauf der Diskussion mit den Politikern zeigte, dass es immer besser ist, miteinander statt übereinander zu reden. Schon auf den Betrieben und in der Meierei war im Laufe des Tages mehrfach durchgeklungen, wie wichtig es für die Landwirtschaft sein wird, den Dialog und den Schulterschluss mit anderen gesellschaftlichen Gruppierungen zu suchen, frei nach dem Motto: Brücken bauen statt Gräben aufreißen. Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle an die Betriebsleiter, den Meieristen und die Agrarpolitiker, die sich allesamt an diesem Samstag unentgeltlich bereit erklärt hatten, die Agrarlehrkräfte zu empfangen und mit ihnen zu diskutieren.
Alle Fotos wurden von Isolde Huß (BBZ am NOK in RD) aufgenommen.
Martin Maier-Walker
Berufliche Schule Husum
Studienleiter Agrarwirtschaft
martin.maier-walker@t-online.de
